Barrierefreiheit testen: was Werkzeuge finden, was nur Menschen sehen
6 Min. Lesezeit · DACH
Eine Website auf Barrierefreiheit zu prüfen heisst, sie gegen die Erfolgskriterien der WCAG zu halten: 30 Kriterien der Stufe A und 20 der Stufe AA in Version 2.1. Software findet davon einen Teil zuverlässig, den Rest nur ein Mensch mit Tastatur, Vorleseprogramm und Verstand. Dieser Artikel zeigt, wie man beides verbindet, in einer Reihenfolge, die in einer Stunde zu einem ehrlichen Bild führt.
Redaktion Zugangscheck, veröffentlicht am . Wer dahintersteht
Keine Rechtsberatung. Quellen am Ende des Artikels.
Was automatische Prüfung findet und was nicht
Werkzeuge wie axe-core, WAVE oder Lighthouse lesen den Code einer Seite und messen, was messbar ist: fehlende Alternativtexte, Formularfelder ohne Beschriftung, zu schwache Kontraste, falsche Sprachangaben, Überschriftensprünge, fehlende Namen an Schaltflächen, ungültiges ARIA. Der Zugangscheck kommt mit eigenen Messungen dazu, die den Browser brauchen: sichtbarer Fokus beim Tab-Durchgang, Tastaturfallen, Überlauf bei 200 Prozent Zoom, Animationen, die trotz reduzierter Bewegung weiterlaufen.
Nach unserer Einschätzung sind rund 30 der 50 Kriterien der Stufen A und AA ganz oder teilweise automatisch prüfbar. Die W3C-Methodik WCAG-EM formuliert es so: Die meisten Prüfungen sind nicht vollständig automatisierbar, Werkzeuge können die Prüfenden aber erheblich unterstützen. Deque, die Herstellerin von axe, hat 2021 anhand von über 2'000 Audits mit rund 13'000 Seiten und knapp 300'000 Problemen gezählt, dass ihre automatischen Regeln 57 Prozent der gefundenen Probleme aufdecken, gemessen am Volumen der Probleme, nicht an der Zahl der Kriterien.
Was Software nicht beurteilen kann: ob ein Alternativtext sinnvoll ist oder nur «Bild» heisst, ob Untertitel stimmen, ob die Lesereihenfolge logisch ist, ob Linktexte das Ziel nennen, ob Fehlermeldungen weiterhelfen, ob ein selbst gebautes Menü dem Vorleseprogramm Name, Rolle und Zustand meldet. Das W3C sagt zu seinen eigenen Schnellprüfungen: Eine Seite kann sie scheinbar bestehen und trotzdem erhebliche Barrieren haben. Deshalb trägt jeder Bericht des Zugangschecks zwei Blöcke: «Gefunden» und «Von Menschen zu prüfen».
Die zehn Schnellprüfungen des W3C
Die Web Accessibility Initiative des W3C beschreibt unter dem Titel «Easy Checks» zehn Prüfungen, die jede Person ohne Fachwissen machen kann. Sie decken die häufigsten Barrieren ab und sind eine gute erste Stunde:
- Seitentitel: Sagt der Titel im Browser-Tab, wo man ist und worum es geht?
- Alternativtexte: Trägt jedes Bild einen Text, der seinen Zweck wiedergibt?
- Überschriften: Gliedern echte Überschriften (h1 bis h3) den Inhalt, ohne Stufen zu überspringen?
- Kontrast: Hebt sich Text ausreichend vom Hintergrund ab?
- Textvergrösserung: Bleibt alles lesbar und bedienbar, wenn man den Text vergrössert?
- Tastatur und Fokus: Erreicht man alles mit der Tab-Taste, und sieht man immer, wo man ist?
- Formulare: Hat jedes Feld eine Beschriftung, und werden Fehler klar erklärt?
- Bewegung, Blinken, Flackern: Lässt sich Automatisches anhalten?
- Multimedia: Haben Videos Untertitel, hat Audio ein Transkript?
- Grundstruktur: Ergibt der Inhalt ohne Gestaltung noch Sinn?
Der Tastatur-Test
Legen Sie die Maus weg. Drücken Sie Tab, um vorwärts durch die Seite zu gehen, Umschalt-Tab für rückwärts, Enter für Links, Leertaste für Schaltflächen und Kästchen, Pfeiltasten in Menüs und Auswahllisten. Vier Dinge müssen stimmen: Jedes Bedienelement ist erreichbar, der Fokus ist immer sichtbar, die Reihenfolge folgt der Leserichtung, und nichts hält den Fokus fest. Eine Tastaturfalle, etwa ein Cookie-Banner oder ein eingebettetes Widget, aus dem man nicht mehr herauskommt, macht die ganze Seite unbedienbar.
Achten Sie auf Dialoge: Öffnet sich ein Fenster, muss der Fokus hinein und beim Schliessen zurück. Achten Sie auf Karten und Kacheln, die nur per Maus reagieren, auf Schieberegler und Sortieren per Ziehen, für die es eine Alternative mit Klick oder Tastatur braucht. Ein Sprunglink «Zum Inhalt» als erstes Element spart Tastaturnutzern auf jeder Seite den Weg durch die Navigation.
Der Test mit dem Vorleseprogramm
Ein Vorleseprogramm (Screenreader) liest vor, was der Code sagt, nicht, was das Auge sieht. NVDA von NV Access ist kostenlos und quelloffen und läuft unter Windows; auf dem Mac und dem iPhone ist VoiceOver eingebaut. Lassen Sie die Startseite und eine Seite mit Formular vorlesen und hören Sie auf fünf Dinge: Werden Überschriften als Überschriften angesagt? Sagen Bilder etwas Sinnvolles? Hat jedes Feld einen Namen? Werden Schaltflächen und Links mit Text angesagt oder nur als «Schaltfläche»? Kommt eine Statusmeldung wie «In den Warenkorb gelegt» an, ohne dass man suchen muss?
Die ersten zwanzig Minuten mit einem Vorleseprogramm sind für Sehende ungewohnt. Sie zeigen aber besser als jede Tabelle, was eine fehlende Beschriftung bedeutet: ein Feld, das «Eingabefeld, bearbeiten» heisst, und sonst nichts.
Zoom, Farbe, Sprache
Stellen Sie den Browser auf 200 Prozent Zoom. Text darf umbrechen, die Seite darf länger werden, aber nichts darf abgeschnitten sein und nichts waagrecht scrollen. Prüfen Sie dann die schmale Ansicht auf einem Handy oder in den Entwicklerwerkzeugen bei 320 Pixel Breite: Das Kriterium 1.4.10 Reflow der WCAG 2.1 verlangt, dass Inhalte ohne Verlust und ohne Scrollen in zwei Richtungen umfliessen. Das Kriterium 1.4.12 Text Spacing verlangt, dass Text lesbar bleibt, wenn Nutzer Zeilen- und Buchstabenabstände vergrössern.
Farbe darf nie der einzige Träger einer Information sein: Ein rotes Feld ohne Text erklärt keinen Fehler, ein grüner Punkt ohne Wort keinen Zustand. Und die Sprache im html-Element muss zur Sprache des Textes passen, sonst liest das Vorleseprogramm Deutsch mit englischer Aussprache. Der Zugangscheck vergleicht die Angabe mit dem Text der Seite.
Die vollständige Prüfung nach WCAG-EM
Wer eine Konformitätsaussage braucht, etwa für die Erklärung zur Barrierefreiheit, folgt der Evaluationsmethodik des W3C (WCAG-EM 2.0, eine W3C Group Note). Sie hat fünf Schritte: den Umfang festlegen, das Angebot erkunden, eine repräsentative Stichprobe von Seiten wählen, die Stichprobe gegen alle Erfolgskriterien prüfen und die Ergebnisse berichten. In Deutschland arbeitet der BIK BITV-Test nach der BITV 2.0 und der EN 301 549 V3.2.1; es gibt ihn als Prüfung durch Prüfstellen und als kostenlose Selbstbewertung.
Eine automatische Prüfung ersetzt diese Arbeit nicht, sie verkürzt sie: Sie findet die messbaren Verstösse auf allen Seiten, nicht nur in der Stichprobe, und sie wiederholt sich jede Woche, ohne zu ermüden. Der Rest bleibt Handarbeit, und die ist der teure Teil. Darum sagt der Zugangscheck bei 100 Punkten «keine Verstösse gefunden» und nie «barrierefrei».
Checkliste für eine Stunde
- Automatische Prüfung der wichtigsten fünf Seiten laufen lassen, Befunde nach Schwere sortieren.
- Tastatur-Test auf Startseite, einer Inhaltsseite und dem Formular oder Check-out.
- Zoom 200 Prozent und schmale Ansicht auf denselben Seiten.
- Vorleseprogramm: Startseite und Formular anhören, Überschriften, Bilder, Felder, Statusmeldungen.
- Die zehn wichtigsten Bilder lesen: Sagt der Alternativtext, was ein sehender Mensch erfährt?
- Ein Video prüfen: Untertitel vorhanden und richtig?
- Formular mit Fehlern abschicken: Wird der Fehler benannt, beim Feld, mit Vorschlag?
- Verlinkte PDFs sammeln und getrennt prüfen (siehe Artikel «PDF barrierefrei machen»).
- Befunde in eine Liste mit Seite, Stelle, Kriterium und Anleitung schreiben; das ist die Massnahmenliste.
- Nach der Behebung nochmals prüfen, dann wöchentlich.
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Häufige Fragen
Reicht ein automatischer Test, um zu wissen, ob meine Website barrierefrei ist?
Nein. Automatische Prüfung findet nach unserer Einschätzung rund 30 der 50 Kriterien ganz oder teilweise, nach der Zählung von Deque 57 Prozent der Probleme nach Volumen. Sinn von Alternativtexten, Verständlichkeit, Lesereihenfolge und Bedienlogik muss ein Mensch beurteilen. Ein Test ohne Befunde heisst «keine Verstösse gefunden», nicht «barrierefrei».
Womit fange ich an, wenn ich keine Erfahrung habe?
Mit den zehn Schnellprüfungen des W3C und dem Tastatur-Test. Beides braucht kein Werkzeug ausser einem Browser. Danach eine automatische Prüfung, die die Befunde mit Beispiel und Anleitung liefert.
Welches Vorleseprogramm soll ich nehmen?
Unter Windows NVDA, kostenlos und quelloffen von NV Access. Auf dem Mac und auf dem iPhone ist VoiceOver bereits eingebaut. Für den ersten Test genügt eines davon.
Wie viele Seiten muss ich prüfen?
WCAG-EM empfiehlt eine repräsentative Stichprobe: Startseite, Vorlagen jeder Art, Formulare, Prozesse wie den Check-out von Anfang bis Ende. Automatische Prüfung kann alle Seiten abdecken; der Gratis-Check nimmt fünf, der Monitor bis zu 1'000 je Website.
Wie oft soll geprüft werden?
Nach jeder inhaltlichen oder technischen Änderung und sonst regelmässig, weil Redaktion und Updates neue Verstösse einbauen. Die BITV 2.0 verlangt von öffentlichen Stellen eine jährliche Aktualisierung der Erklärung; das BFSG verlangt, dass die Anforderungen dauerhaft erfüllt bleiben.
Quellen
Abgerufen am 21.09.2026. Jeder Link öffnet ein neues Fenster.
- W3C WAI: Easy Checks, A First Review of Web Accessibility (w3.org, neues Fenster)
- W3C: Website Accessibility Conformance Evaluation Methodology (WCAG-EM) 2.0 (w3.org, neues Fenster)
- W3C: What's New in WCAG 2.1 (w3.org, neues Fenster)
- Deque: Automated Testing Study Identifies 57 Percent of Digital Accessibility Issues (deque.com, neues Fenster)
- NV Access: About NVDA (nvaccess.org, neues Fenster)
- BIK BITV-Test (bitvtest.de, neues Fenster)
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Stand der Rechtslage: 21.09.2026. Dieser Artikel erklärt, was in Gesetz, Verordnung und Norm steht, und ersetzt keine Rechtsberatung. Bei Zweifeln hilft die Bundesfachstelle Barrierefreiheit oder eine Anwältin.