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Prüfprotokoll für Agenturen: Barrierefreiheit nachvollziehbar an Kunden übergeben

7 Min. Lesezeit · DACH

Ein Prüfprotokoll hat eine einzige Aufgabe: Es soll in einem Jahr noch erklären, was geprüft wurde, womit, von wem und mit welchem Ergebnis. Alles andere gehört in die Offerte oder in die Rechnung. Diese Vorlage richtet sich an Agenturen und interne Teams in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Sie stützt sich auf die Evaluationsmethodik des W3C und ersetzt weder eine rechtliche Abnahme noch eine Rechtsberatung; sie behauptet auch keine Konformität.

Redaktion Zugangscheck, veröffentlicht am . Wer dahintersteht

Keine Rechtsberatung. Quellen am Ende des Artikels.

Wozu ein Protokoll dient und wozu nicht

Ein Protokoll ist die fachliche Grundlage einer Übergabe. Es sagt dem Kunden, was er hat, was er noch nicht hat, und was niemand angesehen hat. Der dritte Punkt ist der wichtigste und der am häufigsten fehlende: Eine Liste behobener Befunde ohne Angabe des Umfangs liest sich wie ein Abschluss, obwohl sie nur ein Ausschnitt ist.

Nicht leisten kann ein Protokoll drei Dinge. Es ist keine rechtliche Abnahme, denn die Pflichten richten sich an die Betreiberin. Es ist keine Konformitätsbescheinigung, denn Konformität setzt voraus, dass alle Kriterien auf allen Seiten der Stichprobe erfüllt sind und alle Seiten eines Prozesses mitzählen. Und es ist keine Zusage für die Zukunft, denn eine Website ändert sich.

Hinweis: WCAG-EM 2.0 ist eine W3C Group Note: von der Arbeitsgruppe getragen, aber nicht als W3C-Empfehlung verabschiedet. Ein Protokoll darf sich darauf stützen und soll das auch schreiben, es sollte daraus aber keine rechtliche Wirkung ableiten.

Die sieben Teile

Die Teile eines Prüfprotokolls und warum jeder Teil nötig ist

Die Teile eines Prüfprotokolls und warum jeder Teil nötig ist
TeilInhaltWarum
UmfangWelche Adressen, welche Sprachversionen, welcher Stand, welches Datum, was ausdrücklich nicht dazugehörtOhne Umfang ist jede Aussage unbegrenzt und damit falsch
MassstabWelche Kriterien geprüft wurden, in welcher Fassung und auf welcher StufeDer Kunde muss wissen, woran gemessen wurde
MethodeAutomatische Messung, menschliche Prüfung, Stichprobenbildung, Abweichungen vom VerfahrenMacht das Ergebnis wiederholbar
Geprüfte ProzesseDie Abläufe vom Einstieg bis zum Abschluss, die vollständig durchlaufen wurdenEin Prozess ist nur so zugänglich wie sein schwächstes Glied
Hilfsmittel und UmgebungBrowser, Betriebssystem, Vorleseprogramm, Bildschirmbreiten, Zoomstufen, jeweils mit FassungBefunde hängen an der Kombination; ohne sie ist nichts nachvollziehbar
BefundeBehoben, offen, bewusst nicht behoben, nicht geprüft; je Befund Seite, Stelle, Kriterium, AuswirkungTrennt Ergebnis von Restarbeit
Stand und VerantwortungDatum, prüfende Person, Kontakt für Rückfragen, Zeitpunkt der nächsten PrüfungMacht aus einem Dokument eine Übergabe

Für den Umfang und die Stichprobe gibt WCAG-EM die Struktur vor: den Umfang festlegen, das Angebot erkunden, eine repräsentative Stichprobe wählen, sie prüfen, berichten. Die Stichprobe soll alle häufigen Ansichten, die wesentlichen Funktionen, die verwendeten Techniken und weitere einschlägige Seiten abdecken; dazu kommt eine Zufallsauswahl im Umfang von zehn Prozent der strukturierten Stichprobe, und alle Seiten eines vollständigen Prozesses gehören dazu.

Die Vorlage zum Abschreiben

Die eckigen Klammern füllt die prüfende Person. Was nicht zutrifft, wird nicht weggelassen, sondern mit «nicht geprüft» beantwortet.

  1. Gegenstand und Umfang: «Geprüft wurde [Adresse], Sprachversion [de], Stand vom [Datum]. Nicht Gegenstand waren [Bereiche], [Subdomains], [Inhalte Dritter].»
  2. Massstab: «Geprüft gegen die Erfolgskriterien der [WCAG 2.1] auf den Stufen [A und AA]. Für Dokumente zusätzlich [Kriterien]. Der Bezug zur EN 301 549 ist [Abschnitt].»
  3. Methode: «Automatische Messung mit [Werkzeug, Fassung] auf [Zahl] Seiten; menschliche Prüfung nach WCAG-EM 2.0 auf [Zahl] Seiten; Stichprobe gebildet aus [Kriterien] zuzüglich [Zahl] zufällig gewählter Seiten.»
  4. Geprüfte Prozesse: «[Kauf vom Produkt bis zur Bestätigung], [Anmeldung], [Kontaktformular], jeweils vollständig durchlaufen mit [Hilfsmitteln].»
  5. Umgebung: «[Browser und Fassung], [Betriebssystem], [Vorleseprogramm und Fassung], Bildschirmbreiten [Werte], Zoom [Stufen].»
  6. Befunde: Tabelle mit Nummer, Seite, Stelle, Kriterium, Auswirkung, Schwere, Status. Der Status ist einer von vier: behoben, offen, bewusst nicht behoben mit Begründung, nicht geprüft.
  7. Nicht geprüfte Anforderungen: «[Kriterien], weil [Grund: kein Inhalt dieser Art vorhanden, kein Zugang zum Testbetrieb, ausserhalb des Umfangs].»
  8. Stand und Verantwortung: «Geprüft am [Datum] von [Person]. Rückfragen an [Kontakt]. Nächste Prüfung vorgesehen [Zeitpunkt oder Anlass].»

Die vier Stati sauber trennen

Die häufigste Schwäche eines Protokolls ist, dass es nur zwei Stati kennt: behoben und offen. Damit verschwindet die wichtigste Information, nämlich das, was niemand angesehen hat.

Die vier Stati eines Befunds und was sie dem Kunden sagen

Die vier Stati eines Befunds und was sie dem Kunden sagen
StatusBedeutungWas noch dazugehört
BehobenGefunden, korrigiert und nachgeprüftDatum der Nachprüfung und womit nachgeprüft wurde
OffenGefunden, noch nicht korrigiertWer zuständig ist und bis wann
Bewusst nicht behobenGefunden, geprüft, entschieden, es so zu lassenDie Begründung und der Zeitpunkt der nächsten Entscheidung
Nicht geprüftAusserhalb des Umfangs oder ohne ZugangDer Grund, damit niemand es für bestanden hält

Ein Beispiel für den vierten Status, das in fast jedem Projekt auftritt: die Zahlungsansicht eines fremden Anbieters, die im Testbetrieb nicht erreichbar war. Sie gehört ins Protokoll, mit Grund und mit dem Hinweis, dass sie Teil des Kaufprozesses ist und darum vor der Abnahme geprüft werden muss.

Ein Eintrag, kommentiert

Der folgende Eintrag ist für diesen Artikel gebaut und zeigt die Felder, die ein Befund braucht, damit er in einem halben Jahr noch verständlich ist.

Kommentierter Protokolleintrag aus einem selbst erstellten Beispiel

Kommentierter Protokolleintrag aus einem selbst erstellten Beispiel
FeldInhalt
Nummer und SeiteB-014, Übersicht der Angebote, zweite Ansicht nach dem Filtern
StelleFilterleiste, Auswahl «Kategorie», erstes Bedienelement von links
Ausschnitt<div role=button tabindex=0>Kategorie</div> ohne aria-expanded und ohne Reaktion auf die Leertaste
Kriterium4.1.2 Name, Rolle, Wert (A) und 2.1.1 Tastatur (A)
AuswirkungDie Liste lässt sich mit der Tastatur öffnen, aber der Zustand wird nicht angesagt; wer nicht sieht, dass sich etwas geöffnet hat, sucht weiter.
SchwereHoch, weil der Filter der einzige Weg zu den meisten Angeboten ist
Korrektur und StatusAls Schaltfläche ausgezeichnet, Zustand ausgegeben, Leertaste belegt; Status behoben, nachgeprüft am [Datum] mit Tastatur und Vorleseprogramm

Vier Sätze, die nicht hineingehören

  • «Die Website ist barrierefrei.» Barrierefreiheit ist eine Aussage über die Nutzung durch Menschen, nicht das Ergebnis einer Messung. Geprüft wurde eine Stichprobe an einem Tag.
  • «Die Website erfüllt das Gesetz.» Ein Protokoll stellt fachliche Befunde fest. Ob damit eine gesetzliche Pflicht erfüllt ist, beurteilt eine Rechtsberatung, und die Pflicht trifft die Betreiberin.
  • «Alle Fehler wurden behoben.» Richtig ist: Alle gefundenen Befunde im geprüften Umfang wurden behoben. Der Unterschied ist der ganze Punkt.
  • «Abdeckung 95 Prozent.» Eine Prozentangabe ohne Bezugsgrösse sagt nichts. Wenn schon, dann: so viele von so vielen Kriterien, auf so vielen von so vielen Seiten, gemessen womit.

Das W3C formuliert die Grenze seiner eigenen schnellen Prüfungen ähnlich vorsichtig: Sie decken nur wenige Punkte ab, sind schnell und einfach gemeint statt abschliessend, und eine Seite könne sie scheinbar bestehen und trotzdem erhebliche Barrieren haben. Diese Ehrlichkeit ist kein Eingeständnis von Schwäche, sondern das, was ein Protokoll brauchbar macht.

Was aus dem Protokoll in die Erklärung zur Barrierefreiheit wandert und wie die Fortschreibung organisiert wird, beschreiben die Artikel «Erklärung zur Barrierefreiheit: Muster» und «Barrierefreiheit nach Updates überwachen».

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Häufige Fragen

Darf ich im Protokoll schreiben, dass die Website konform ist?

Nur, wenn alle geprüften Kriterien auf allen Seiten der Stichprobe erfüllt sind, alle Seiten der vollständigen Prozesse mitgezählt wurden und der Umfang dabeisteht. Und selbst dann ist die Aussage an den Prüftag und die Stichprobe gebunden. Die sichere Formulierung nennt Umfang, Methode und Datum und überlässt die rechtliche Bewertung der Betreiberin.

Wie gross muss die Stichprobe sein?

WCAG-EM gibt keine feste Zahl, sondern eine Regel: Die strukturierte Stichprobe deckt alle häufigen Ansichten, die wesentlichen Funktionen, die verwendeten Techniken und weitere einschlägige Seiten ab; dazu kommt eine Zufallsauswahl im Umfang von zehn Prozent davon, und alle Seiten eines vollständigen Prozesses gehören dazu.

Gehört das Werkzeug ins Protokoll?

Ja, mit Fassung, denn Regelsätze ändern sich zwischen Fassungen, und ein Befund, der heute erscheint, kann morgen anders heissen. Dasselbe gilt für Browser, Betriebssystem und Vorleseprogramm, weil viele Befunde erst in einer bestimmten Kombination auftreten.

Was mache ich mit Befunden in Bausteinen, die ich nicht kontrolliere?

Aufnehmen wie jeden anderen Befund, den Status auf «offen» oder «bewusst nicht behoben» setzen, die Meldung an den Anbieter dokumentieren und den zugänglichen zweiten Weg beschreiben, falls es einen gibt. Weglassen ist die einzige Antwort, die nicht geht.

Wie übergebe ich das Protokoll?

In einem zugänglichen Format, nicht als Bild eines Dokuments, mit einer Zusammenfassung von einer Seite am Anfang und den Einzelbefunden dahinter. Dazu eine benannte Person für Rückfragen und ein Vorschlag, wann die nächste Prüfung stattfindet. Ein Protokoll ohne Anschlusstermin wird abgelegt und nicht gelesen.

Quellen

Abgerufen am 22.09.2026. Jeder Link öffnet ein neues Fenster.

  1. W3C: Website Accessibility Conformance Evaluation Methodology (WCAG-EM 2.0) (w3.org, neues Fenster)
  2. W3C WAI: Planning and Managing Web Accessibility (w3.org, neues Fenster)
  3. W3C WAI: Sustain Web Accessibility (w3.org, neues Fenster)
  4. W3C WAI: Easy Checks, a First Review of Web Accessibility (w3.org, neues Fenster)

Weiterlesen

Stand der Rechtslage: 22.09.2026. Dieser Artikel erklärt, was in Gesetz, Verordnung und Norm steht, und ersetzt keine Rechtsberatung. Bei Zweifeln hilft die Bundesfachstelle Barrierefreiheit oder eine Anwältin.